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Presse Bern, Basel, Süddeutschland / Radio / Podium Bern


Presse Bern


Aus der Fremde mittendrin
Von Christian Pauli am Donnerstag, den 19. Mai 2011, um 05:29 Uhr
Ein paar Mal musste ich gestern an unsere werte Frau Feuz und ihr «relativ einfach gestricktes» Musikgemüt denken, für das sie – mit Verlaub – immer wieder so prägnante Sätze kreiert. Nein, das war für einmal kein Fall für Frau Feuz gestern Abend in Reithalle. Oder doch?
«Lines and Clusters» nennt sich ein «Mehrspartenprojekt über das Kommen und Gehen und das Leben dazwischen». Schon bei dieser Beschreibung des Musiktheaters, das gestern in der Grossen Halle Premiere hatte, kann einem ein bisschen trümmlig werden – aber das ist eigentlich gar nicht nötig. «Lines and Clusters» zieht über 13 Szenen einen thematischen Bogen zum Begriff Migration. Es geht also um äussere, innere, um freiwillige und erzwungene, alltägliche und pathologische Migration. Der Mensch ist bekanntlich nur gerade dort nicht fremd, wo er zufällig daheim ist. Um diese urmenschliche Erfahrung dreht sich «Lines and Clusters». Das Publikum sitzt auf sechs Inseln verteilt, die Performerinnen und Performer, Musiker und Musikerinnen spielen dazwischen, davor und dahinter. Mittendrin also, und da mag es einen auch nicht erstaunen, wenn der Schauspieler Armin Kopp plötzlich direkt vor einem aufsteht und eine Rede auf das Fremde hält:



Tönt tatsächlich furchtbar kompliziert, diese bespielte Installation aus Musik, Tanz, Schauspiel, Licht und Tonbandeinspielungen. Aber wir können es auch einfach haben: Eindringliche, epochale Textauszüge von Walter Benjamin («Adressbuch»), Franz Kafka («Gemeinschaft») und Robert Musil («Mann ohne Eigenschaften»), Wunderbare, spannende, unvergleichlich eigenwillige Musik von John Cage (eine Entdeckung: «Three Dances» für präparierte Klaviere), Leo Dick (Uraufführung von «one another’s speech»), Alfred Schnittke («Musica Nostalgica»), Iannis Xenakis («Plekto-Flechte») und anderen.
Wenn ich mir diese Namen so ansehe, muss ich an das 20. Jahrhundert denken. Vorbei ist das, und dennoch da: Diese Texte und Musikstücke erzeugen eine verwirrliche Mischung aus verlorener Nostalgie und unmittelbarer Gegenwart. Bei der Punkmusik ist das doch ähnlich, oder Frau Feuz?


Presse Basel


SIMON STRAUSS
Über das Kommen und Gehen und das Leben dazwischen berichtet ein interdisziplinäres Bühnenstück in der Dreispitzhalle Basel.

«
Fremde unter Fremden sind» – so hat es der bayrische Komiker Karl Valentin erklärt –,«wenn Fremde über eine Brücke fahren und unter der Brücke fährt ein Eisenbahnzug mit Fremden durch, dann sind die durchfahrenden Fremden Fremde unter Fremden…» Als einer unter vielen Fremden sitzt der Zuschauer bei «Lines & Clusters» zwar nicht unter einer Brücke, sondern auf viereckigen Podestinseln, aber die räumliche Dimension des Fremdheitsgefühls, die Valentins Wortwitz andeutet, wird auch im Laufe dieses Abends immer wieder spürbar. Vom Meer buchstäblich ans Land geschwemmt, findet sich zu Beginn eine Gruppe an einem unbekannten urbanen Ort wieder. Ohne Warnung wird sie von der Hektik der Grossstadt erfasst. Die Körper folgen eigenen Dynamiken, grenzen sich ab und kommen sich in die Quere. Herausgefordert von einer unerbittlichen John Cage Musik, kämpfen sie mit den Schwierigkeiten des Neuen und Ungewohnten, damit, sich anpassen zu müssen.
RESONANZRAUM
Ein zentraler Organismus städtischer Urbanität ist die Kreuzung: Hier trifft der Fremde auf den Einheimischen, hier wird aneinander vorbeigelaufen und gelebt. Wer allein ist, sucht verzweifelt, ob er in der ihn umgebenden, schadenfrohen Masse ein bekanntes Gesicht entdeckt. Aber er muss bald (mit Walter Benjamin) feststellen, dass «das Exil ein Ort ist, der sich auf keiner Landkarte befindet». Die Fremde als klar definierten Raum gibt es nämlich nicht, sie ist vielmehr ein Gefühl, ein Angstzustand, aber manchmal, im glücklichsten Fall, wird sie auch zum Nährboden fruchtbarer neuer Beziehungen. Mit diesen unterschiedlichen Facetten des Fremdseins spielt das Performancekonzept der Musikerin Karin Jampen und der Kunstschaffenden Judith Albisser, die seit 2006 unter
dem Namen Trans_Form spartenübergreifende Projekte konzipieren. Die alte Fabrikhalle am Dreispitz verwandelt sich dabei in einen spannungsgeladenen Resonanzraum, in dem verschiedene Schwingungen und Töne mit und ineinander verschwimmen. Gesprochene Textfragmente mischen sich mit musikalischen Liveeinspielungen, die wiederum Bewegungscollagen untermalen. Es geht hier nicht darum, einem klaren Handlungsmuster zu folgen. Auch der politische Zeigefinger bleibt (abgesehen von der Verlesung des Integrationsartikels) klugerweise im Hintergrund.
WECHSELWIRKUNG
In den einzelnen Szenen werden immer wieder neue Formen gefunden, um die Schwierigkeiten, aber auch die Möglichkeiten höchst unterschiedlicher Menschen vorzuführen, die sich in einer Gruppe zusammenfinden. Eine exklusive Gemeinschaft bildet sich am Ende ja vor allem deswegen, so wird Franz Kafka zitiert, «damit eine Gruppe von fünf erklären kann, warum ein sechster nicht aufgenommen wird». Diese selbstüberschätzende Konstruktion eines «gefährlichen» Anderen ist es am Ende auch, die das wechselseitig Befruchtende eines kulturellen Austausches verhindert. Genau diesen aber apostrophiert «Lines & Clusters»: Nicht nur dadurch, dass die Mitglieder der Performancegruppe unterschiedliche kulturelle Prägungen in sich tragen (was etwa beim polyglotten Vortrag eines Salatrezeptes wunderbar zutage tritt), sondern auch durch die Wechselwirkung zwischen Musik, Text und Bewegung. Gerade weil so vieles an diesem Abend nicht zusammenzupassen scheint, weil es Ohr und Auge durch die Vielfalt des Dargebotenen am Ende schwindelt, erkennt man die magische, die unbedingt notwendige Vitalität des Fremden unter Fremden.

> Nächste Vorstellungenam 27. und 28. Mai um 20.30 Uhr in der Dreispitzhalle, Basel.
www.linesandclusters.ch


Presse Süddeutschland


Migration wird hierzulande dieser Tage oft gleichgesetzt mit Problemen – politisch, sozial,
kulturell – und Zuwanderern wird meist unterstellt, Sozialsysteme überzustrapazieren.
Einen offeneren Blick auf das Thema versucht die Mehrspartenproduktion "Lines &
Clusters". Die in der freien Schweizer Szene entstandene Performance begreift Auswandern und Umziehen als einen Kern der Zivilisation und spielt mit der These, dass Migration immer allen Chancen bietet.
Die Wurzeln der Produktion liegen im Schmelztiegel New York. Dort habe sie zwischen
2005 und 2007 das "Nebeneinander der Kulturen fasziniert", schildert Karin Jampen. Dies
hat die in Bern lebende Musikerin und Co-Leiterin des Tastentheaters Schweiz in "urbanen Spaziergängen" eingefangen. Im Duo Trans_Form mit der Basler Raum- und Videoinstallations-künstlerin Judith Albisser hat die 1971 in Thun geborene Pianistin diesen Rohstoff in ein Konzept gegossen und mit dem deutschen Choreografen und Tänzer Norbert Steinwarz sowie dem Regisseur und Musiker Florian Volkmann zum Kaleidoskop einer Einwandererstadt montiert.
New York liefert dabei zwar die Folie, aber die ist übertragbar – auf kosmopolitische Metropolen, auf urbane Ballungsräume, auf kleine Großstädte wie Basel, wo in Stadtteilen wie Kleinbasel ein migrantisch geprägtes transkulturelles Leben Alltag ist. Das gilt auch für prosperierende Kleinstädte wie Lörrach, wo über die Hälfte der Bevölkerung keine zehn Jahre zuhause ist, kommt und geht. So lautet denn der Untertitel der Produktion: "Über das Kommen und Gehen und das Leben dazwischen".
In 13 Szenenbildern mit viel Musik – von Johann Sebastian Bach und Alban Berg über John Cage und György Kurtág bis zu Iannis Xenakis und mit der Uraufführung von "one anothers speech" des gebürtigen Baslers Leo Dick –, mittels ausgewählter Texte von Walter Benjamin, Robert Musil oder Franz Kafka und mit Hilfe von zwölf "Bewegungspersonen", die Bezeichnung Tänzer wird bewusst vermieden, reflektiert das Stück das urbane Sein.
Jampen, Albisser & Co setzen dabei am Grundlegenden an. Am Anfang steht die Suche
nach einer neuen Heimat, der Impuls, perspektivlose Räume zu verlassen. "Meer" nennt
sich diese erste atmosphärische Installation, die zu Fragmenten aus "Über den Bergen" von Alban Berg Aufbruch symbolisiert. Das Unterwegssein wird im zweiten Bild "Perpetuum Mobile" zu Kurtágs gleichnamiger Komposition versinnbildlicht; in der dritten Station "Neuland" geht’s um das Ankommen, "das Fußfassen", wie Jampen sagt, dann um Gefühlswelten, das Erinnern und Zwischen-den-Welten-Leben; "Polyglott", das siebte Bild, handelt von der Verständigung im urbanen Sprachengewirr, in "Laetitia" zeigen Kochrezepte das Essen als interkulturelles Schmiermittel, bevor sich die Kontexte wieder verflüchtigen, das Ganze in einen neuen Aufbruch mündet. Eine Anspielung nicht nur auf das Nomadische als fortlebendes Sediment früher Entwicklungsstufen der Menschheit; sondern auch ein Spannungsbogen, der klassische Schubladen wie Einheimische und Zugezogene, Eigenes und Fremdes auflöst, in dem die Linien (Lines), die Menschen, Kommunikationsräume und Verbindungen immer neue Verklumpungen (Clusters) und Verdichtungen schaffen.
Das erscheint dicht und dauert doch nur 75 Minuten – eineinviertel Stunden, in denen
weder Musik noch Texte, noch Bewegung im Vordergrund stehen. Vielmehr "geht’s ums
Ganze, um die Performance", erläutert Judith Albisser. Die aber bietet eindrückliche
sinnliche Erfahrungen: So wird im ersten Bild der Raum abgedunkelt, rauscht das Meer
durch sechs Boxen im Raum und das Publikum sitzt – eingeteilt in Blocks – wie auf einer
Insel, wird als Standbild Teil der Installation, taucht ein ins Kommen und Gehen.
Termine: Basel/Münchenstein, "Lines & Clusters", Dreispitzhalle (Helsinkistraße 5, Eingang
Tor 13), 26., 27. und 28. Mai, je 20.30 Uhr; begehbare Installation 30 Minuten vor der
Vorstellung; Info: ticketbasel@linesandclusters.ch
Autor: Michael Baas


Badische Zeitung 30.5.2011



Radio 3fach Luzern - ein Beitrag zu Lines&Clusters von Angela Meier  am Do, 23. Juni 2011

Radio 3fach Teil 1/ Lines&Clusters by Trans_Form
 
Radio 3fach Teil 2 / Lines&Clusters by Trans_Form


Radio 3fach Teil 3 / Lines&Clusters by Trans_Form



Radio Rabe Bern / Norient - ein Beitrag zu Lines&Clusters von Michael Spahr 
am Mi, 18. Mai 2011:

 
Norient
http://norient.com/podcasts/transdisziplinare-transkulturalitat/




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Podium Bern
Transkulturalität – leeres Konzept oder gelebte Wirklichkeit ?

...über das Kommen und Gehen und das Leben dazwischen...

Im Anschluss an die Vorstellung vom Freitag 20. Mai fand in der Grossen Halle der Reitschule Bern eine Podiumsdiskussion mit Gästen aus Kunst, Politik und Wissenschaft statt. Das Podium diente als Resonanzraum, in dem die Auseinandersetzung mit der aktuellen Thematik konkret geführt wurde.

GÄSTE

Cristina Anliker-Mansour
, seit 2007 Stadträtin in Bern, Mitglied der Kommission für Soziales, Bildung und Kultur. Ihre politischen Schwerpunkte sind die Bildungs-, Sozial- und Integrationspolitik.
Engagement in der Migrantinnenwerkstatt des cfd (Christlicher Friedensdienst), Gründung einer südamerikanischen Schule, Quartierarbeit in den Berner Quartieren Breitenrain und Lorraine, bei Mitarbeit in der Schularbeit für fremdsprachige Eltern, Vorstand Volksschule ohne Selektion, Frabina und Verein Berner Tagesschulen.
Christian Anliker-Mansour ist tätig als Ausbildnerin, Porfolio-Fachperson effe, Verhandlungsdolmetscherin und freie Mitarbeiterin in verschiedenen Integrationsprojekten.

Damir Skenderovic
schloss seine Studien der Zeitgeschichte, neueren Geschichte, Sozialanthropologie und Kommunikationswissenschaften an der Universität Freiburg mit einem Lizentiat zur schweizerischen Umweltschutzbewegung in den 1950er und 1960er Jahren ab.
2004 Doktorat und 2010 Habilitation an der Universität Freiburg. Seit 2004 Lehraufträge in Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaft an den Universitäten Zürich, Luzern und Freiburg. Seit 2006 Dozent für Migrationsgeschichte am Institut für Kommunikationsforschung (IKF) in Luzern.
Forschungsschwerpunkte: europäische und schweizerische Zeitgeschichte, mit Schwerpunkt nach 1945, Parteiengeschichte, politische Kulturen, soziale Bewegungen, radikale Rechte, Nationalismus, Rassismus, Migration und Sprachenpolitik.

Mingjun Luo ist in China geboren und lebt heute in Biel. 1979-1983 Studium der bildenden Künste an der Universität von Hunan. 1983-1987 wissenschaftliche Assistentin an derselben Fakultät. Zahlreiche internationale Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem in China, der Schweiz, Australien, Spanien sowie in Deutschland. Die Künstlerin setzte sich in ihrer Arbeit wiederholt mit dem Leben zwischen und mit der chinesischen und der schweizerischen Kultur auseinander. Mingjun Luo zeigt an den Aufführungsorten des Projekts Lines&Clusters die Arbeiten Migration (2006), die Installation Douleur (2007/11) und die Videoarbeit Identity (2007).

Noël Tshibangu verliess die Demokratische Republik Kongo vor über 20 Jahren als politischer Flüchtling, damals als der zentralafrikanische Staat noch Zaire hiess. Der ehemalige Dichter und Theaterschauspieler Noël Tshibangu ist heute unter anderem bei der Aidshilfe Schweiz als Fachbereichsleiter tätig.

ausserdem:
Trans_Form (Jampen/Albisser)

MODERATION

Güvengül Köz Brown ist seit 1998 in der Kommunikationsbranche tätig und verfügt als PR-Beraterin und PR-Redaktorin über langjährige Erfahrungen im Bereich Redaktion und Produktion von Printmedien. Seit 2008 ist sie unter anderem für die Redaktion der Migrationszeitung MIX, die in Zusammenarbeit der Integrationsdelegierten der Kantone Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern und Solothurn herausgegeben wird, verantwortlich.  



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